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Scheitern vor dem Schokoladenregal
Soll der Staat eingreifen, wenn Kinder unters Messer wollen? Die CDU/CSU fordert ein Verbot von Schönheits-Ops an Minderjährigen.

Vom Mythos untermauert, dass Brustvergrößerungen inzwischen zu Schulabschlüssen verschenkt werden (die nicht unbedingt Abitur sein müssen), forderte die Gesundheitsgruppe der CDU/CSU-Fraktion in einem Positionspapier, dass schönheitschirurgische Eingriffe an Minderjährigen grundsätzlich verboten werden. Die Politiker begründeten ihre Initiative damit, dass zehn Prozent aller dieser Operationen an Jugendlichen vorgenommen werden. Und "selbst bei einer ordnungsgemäßen Aufklärung" nicht sicher gestellt sei, "dass Jugendliche sich der Reichweite des Entschlusses bewusst sind", sie könnten "Gefahr laufen, die Folgen nur schwer oder überhaupt nicht zu verarbeiten".
Juristisch ist es komplizierter hier anzusetzen, als beispielsweise bei den Verboten zum Jugendschutz. Ohnehin gibt es eine Empfehlung des Europäischen Parlaments aus dem Jahr 2002, dass Brustimplantationen bei Frauen unter 18 Jahren nur aus medizinischen Gründen erlaubt sind. In Deutschland wäre allerdings der Elternwille höher einzuschätzen - hierzulande darf der Schulzahnarzt ja auch nur informieren, und Reihen-Impfungen scheitern am Veto der Erziehungsberechtigten. Medizinische Entscheidungen gelten als zutiefst persönlicher Natur und sind vom Grundgesetz geschützt. Was aber auch garantiert, dass Kinder nicht ohne die Einwilligung der Eltern in der Schönheitsklinik einchecken. Doch legt der Antrag der Politiker nahe, dass die heutzutage ja alles bekommen, was die Waren- und Konsumwelt anbietet - eben auch kosmetische Operationen.
Der Vorschlag wurde abgeschmettert. Und das Gesundheitsministerium differenzierte zügig die schockierende Statistik, deren Zahlen nämlich alle plastisch-chirurgischen Operationen erfassen, also auch die Korrektur von Fehlbildungen der Hand oder die Behandlung von Verbrennungsfolgen. Bei unter Achtzehnjährigen seien nur rund 1,2 Prozent aller Eingriffe ästhetische Operationen, am häufigsten das Anlegen von Ohren.
Beunruhigender als die falsch interpretierten Daten sind andere Erhebungen: "Epidemisch ist bei uns das niedrige Selbstbewusstsein von Mädchen", sagt die amerikanische Psychologin Ann Kearney-Cooke, die belegen kann, dass nur eine von zehn Acht- bis Siebzehnjährigen sich als "schön genug" empfindet, während 70 Prozent ihr Äußeres für "nicht ausreichend" halten. 20 Prozent der Neun- bis Vierzehnjährigen in Deutschland wünschen sich eine Schönheitsoperation
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Die meisten Beiträge zur Diskussion sind in diesem Zusammenhang so sprechend, wie die Versicherung von Heinz Bull, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Plastische Chirurgie, dass "seriöse Ärzte in Deutschland keine Patienten unter 18 Jahren ästhetisch operieren, es sei denn, es handelt sich um Ohrenkorrekturen, die vor allem bei Kindern zu empfehlen sind." Warum die Ohren? Wer empfiehlt und entscheidet? Warum befragen sich hier allein Eltern, Berater, Erzieher, Mediziner untereinander, wenn es um Hasenscharten geht, um Zahnkorrekturen oder Beschneidung? In Österreich plädiert der Gesundheitsminister rigoros dafür, dass man jüngere Patienten vor Schönheitsoperationen erst einmal zum Psychologen zu schicken hätte.
In dieser Debatte formuliert sich vor allem eins: Das Misstrauen der Gesellschaft gegenüber Eltern und Kindern. Könnte ja sein, dass die Erziehungsberechtigten im Wartezimmer genauso versagen, wie vor dem Schokoladenregal im Supermarkt. Konditioniert durch eine pädagogische Diskussion, die nur noch bemüht ist, Schuldfragen zu klären sind Eltern nur allzu bereit, ihre Kinder allen möglichen Ansprüchen auszuliefern, von Tischsitten über Diätprogramme und Nachhilfestunden. Dass es fraglos erlaubt ist, Kindern die Handwurzelknochen zu vermessen, um hinterher über Hormongaben ihr Größenwachstum zu steuern, kann man durchaus als übergriffig bezeichnen, wo man das Beziehungsgeflecht einer Familie nur als wohlwollende Entität begreift.
Und: Sind diese medial nicht nur überforderten, sondern auch versierten Kinder tatsächlich so ahnungslos, dass sie immer nur das falsche wollen? Die New York Times zitiert eine Studie der Erasmus-Universität, die belegt, dass auch Zwölf- bis Zweiundzwanzigjährige ihr Körperbild realistisch einschätzen, wenn sie begründen, warum sie Brustimplantate oder Nasenkorrekturen wollen. Hinterher waren diese Jugendlichen dann selbstsicherer und zufriedener als die Befragten einer Vergleichsgruppe, die nicht operiert wurden.
In der gescheiterten Vorlage der CDU/CSU zeichnet sich - bestenfalls - die Unsicherheit unserer Gesellschaft darüber ab, ob die medizinischen Methoden der Selbstoptimierung überhaupt angemessen sind. Der Vorschlag ist vor allem als Teil einer Debatte zu verstehen, die Erziehung nicht länger diskutieren will, weil sie restriktiv ist, Eigenverantwortung untergräbt - und die ganz konkreten Vorstellungen von Kindern und Jugendlichen nicht als Beiträge analysiert und schätzt, sondern nur als widerständige, zu disziplinierende Wünsche begreifen kann.
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Eure Zeit wird kommen
Kevin Macdonalds hat ein faszinierendes Filmporträt des Reggae-Propheten Bob Marley gedreht.

Die Botschaft ist okay, "Peace - Love - Unity", und der Lebensstil Bob Marleys beinhaltet schon die entscheidenden Dinge, Musik, Frauen, Marihuana, Fußball. Vor allem diese Musik mit dem unglaublich lässigen, zurückgelehnten, marihuanakompatiblen Sound: Reggae! So sahen wir Superstar Marley, als er Mitte der siebziger Jahre mit den Wailers seine triumphale Europatournee absolvierte.
Seine Auftritte waren aufgebaut wie schamanistische Mysterien. Es konnte schon mal eine Stunde dauern, bis der erste Musiker, meist der Bassist, die Bühne betrat. Nach weiteren fünfzehn Minuten folgte der Drummer, dann die Chorsängerinnen, schließlich der Zeremonienmeister, tanzend, die Rastalocken wirbelnd, mit seiner heiser-beschwörenden Stimme. Die Musik schwang sich stetig intensiver in langwellige, kosmische Vibrationen ein, das "Let"s get together and feel alright" war kein falsches Versprechen. Nach dem Konzert fühlte man sich mindestens so beglückt und erleuchtet wie die Besucher des Hochamts in Gottfried Kellers "Der grüne Heinrich".
In Dokumentationen gibt es oft nur kümmerliche Musikschnipsel, die zudem als Beleg für Kommentarthesen missbraucht werden. Kevin Macdonald, erfahren als Spielfilmregisseur ("Der letzte König von Schottland") und Dokumentarist ("Ein Tag im September") versucht etwas anderes in seinem zweieinhalbstündigen "Marley", er macht Atmosphärisches spürbar - auch in den biografischen Passagen. Er geht in einem schier unerschöpflichen Fundus von Archivaufnahmen auf Entdeckungsreise und findet den Interviewpartner, der die treffende Anekdote beisteuern kann.
So schildert er bilderstark die Mischlings-Jugend Bob Marleys in jamaikanischen Blechhütten-Vierteln - Bobs Vorfahren mütterlicherseits waren aus Afrika herbeigeholte Sklaven, sein Vater ein weißer britischer Armeeangehöriger. "Die meisten Europäer und Amerikaner können kaum nachvollziehen, was für ein Stigma damit verbunden war und wie er unter diesem Stigma litt", erläuterte Macdonald bei der Uraufführung auf der Berlinale. Das Musikmachen war die Chance zur Ausflucht, die Rasta-Religion auch. 1962 wird Jamaika unabhängig und der siebzehnjährige Bob nimmt seinen ersten Song auf. Besonders schön erzählt Macdonald, wie der Reggae Inspirationen von Ska, Funk, Rhythm&Blues und Jazz aufnimmt und eigene Kontur gewinnt: der Bass liefert das "Rückgrat" der Songs, das Schlagzeug den "Herzschlag", dazu die scharfkantigen Chaka-Chaka-Riffs der Rhythmusgitarre und Texte, die sich mit politisch-religiöser Emphase aufladen.
Bob Marley gerät zwischen die Fronten der politischen Auseinandersetzungen in Jamaika. Er entkommt einem Attentatsversuch, emigriert nach London und schafft es dann doch, bei einem "Friedenskonzert" in Kingston 1978 die Anführer der verfeindeten Parteien zu einer Geste der Versöhnung zu bewegen.
"Marley" entwirft kein Heiligenbild, sondern will der Person jenseits von Image und Mythos nahekommen. Bob war offenkundig schüchtern und doch ein unermüdlicher Womanizer. Offiziell verzeichnet sind elf Kinder von sieben Frauen. Vor allem nach dem Zeugnis seiner Kinder hatte er nichts von einem herumhängenden Kiffer. Das Marihuana gehörte zum Ritus der Religion. Er gönnte sich nur vier Stunden Schlaf, bastelte unermüdlich an neuen Songs, war selbst beim heißgeliebten Fußballspiel auf vollen Einsatz und Sieg bedacht. Als ein Arzt an einer Zehe Krebs diagnostizierte, wollte er das nicht wahrhaben. Er fürchtete die Amputation, tanzte weiter wie ein Irrwisch über die Bühnen. Zu spät ging er in Behandlung, starb 1981, mit 36 Jahren. Macdonald: "Ich denke, einer der Gründe, warum Bob heute noch so allgegenwärtig ist, liegt darin, dass er die Unterdrückten auf der ganzen Welt anspricht. Seine Stimme sagt: Eure Zeit wird kommen!"RAINER GANSERA
MARLEY, USA/GB 2012 - Regie: Kevin Macdonald. Mitwirkende: Bob Marley, Ziggy Marley, Jimmy Cliff, Cedelia Marley, Rita Marley. Studiocanal, 144 Min.
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Unerwünschte Begleitmusik
Die aserbaidschanische Führung wollte den Eurovision Song Contest als große Werbe-Show nutzen - doch nun wird ständig über Menschenrechte und Freiheit debattiert

Baku - Das erste Mal schaute er um 14Uhr auf die Zeit, als es anfing. Vorbei war alles drei Stunden später. Dschamal Ali sagt, man habe ihm eine Tüte über den Kopf gesteckt und auf die nackten Füße geschlagen. "Sie wollten nicht, dass ich etwas sehe, sie wollten meine Seele töten", sagt er. "Aber es war auch nicht so heftig, dass Narben blieben." Zumindest nicht physisch. Zehn Tage verbrachte Dschamal Ali in einer Gefängniszelle, weil er auf den Präsidenten und seine Familie geflucht hat. "Danach sagte mir einer der Polizisten, der bevorstehende Eurovision Song Contest hätte mir das Leben gerettet. Ich müsse dem Präsidenten dankbar dafür sein, dass er den Wettbewerb nach Baku geholt habe." Jetzt hat der Rapmusiker genug von seinem Land, von Aserbaidschan. Er wolle fort, sagt er. "Ich habe ja keine Wahl."
Es ist ein lauer Abend, und Dschamal Ali sitzt in Shorts und mit Baseballkappe in einem Straßencafé von Baku, ein 24Jahre alter Künstler mit Vollbart, die Haare am Kinn mit einem Gummi zu einem Zöpfchen gestrafft. Er singt ein Klagelied über seine Heimat, über Korruption, über "die fehlende Freiheit des Wortes". Und er erzählt von jenem Tag im März, als er nicht mehr ganz nüchtern bei einer Protestdemonstration auf eine kleine provisorische Bühne stieg, Gitarre spielte und fluchte. Es ging um einen mittelalterlichen Khan, der als Metapher herhielt für den aserbaidschanischen Staatschef Ilham Alijew. Dschamal Ali rief "Hau ab" und noch wüstere Dinge, "es waren einfach meine Emotionen", sagt er. Dann wurde er fortgetragen.
In wenigen Tagen beginnt in Baku der Song Contest, dem Dschamal Ali angeblich die Gnade der Behörden zu verdanken hat. "Seit drei Monaten gibt es hier kein anderes Thema mehr. Sie wollen eine große Show", sagt er. Für die aserbaidschanische Führung ist dieser europäische Wettbewerb ein Segen, einerseits. Sie sieht darin die Chance eines dauerhaften Werbezugs. Für eine schöne Stadt am Kaspischen Meer mit einem Flair irgendwo zwischen Dubai und Marseille. Für ein ehrgeiziges, selbstbewusstes Land. Und für einen Präsidenten, der den Ölreichtum in geschniegelte Parkanlagen investiert, in denen jedes Bäumchen einzeln angestrahlt wird, in teure Boulevards, raffinierte Springbrunnen und palastartige Bauwerke.
Andererseits ist dies auch die Zeit, in der Menschen wie Dschamal Ali so viel wie sonst nie mit ausländischen Besuchern reden, mit Menschenrechtsgruppen, Politikern, Journalisten, Botschaftern. "Die aserbaidschanische Führung verdient viel Geld mit Öl und macht dann irgendwas damit, während die Lehrer an den Schulen für ein Diplom Geld annehmen", sagt Dschamal Ali. "Die Machthaber müssten uns dienen, nicht umgekehrt." Plötzlich konkurrieren Sätze wie diese von Regimekritikern mit den ganz anderen Ansichten der Regierung. Und so geht es in Baku schon seit Wochen nicht nur um einen Gesangswettbewerb. Es geht auch um Politik, um die Hoheit der Meinungen, letztendlich auch um den Platz dieses kaukasischen Landes in Europa.
Die Debatte über den Mangel an Demokratie, Menschenrechten und Pressefreiheit, sie droht aus Bakus Sicht den Plan zu durchkreuzen, Aserbaidschan den Europäern als Perle des Kaukasus" vorzustellen - als kosmopolitischer Gastgeber und ambitioniertes Land, das sogar die Olympischen Spiele ans Kaspischen Meer holen will. Viel Geld gibt Aserbaidschan aus für Werbespots, Hochglanzanzeigen und westliche PR-Strategen, und doch konnte es nicht verhindern, dass die politische Debatte den Song Contest übertönt, solange der am Dienstag mit dem Halbfinale startende Wettbewerb nicht richtig angefangen hat. Menschenrechtler warnen vor neuem Druck der Behörden, sobald die Veranstaltung beendet ist; Häftlinge, die von Amnesty International als "politische Gefangene" eingestuft werden, begannen am Donnerstag einen Hungerstreik. Und der Grünen-Politiker Volker Beck forderte einmal mehr demokratische Freiheiten.
Aserbaidschan hat mit diesem Echo offenbar nicht gerechnet und versucht sich seit langem dagegen zu stemmen. Präsident Alijew sprach im April von einer Kampagne gegen sein Land, eine Staatszeitung kritisierte den deutschen Botschafter in Baku und bezeichnete den deutschen Menschenrechtsbeauftragten Markus Löning als "Hauptanstifter der Anti-Aserbaidschan-Kampagne". Und der aserbaidschanische Außenminister fragte kürzlich bei einem Deutschland-Besuch ein Unternehmen, ob dieses denn nicht Einfluss auf die Berichterstattung nehmen könne.
"Wir akzeptieren nicht, dass die Welt nur einen Aspekt sieht", sagt Ali Hasanov, Leiter der Abteilung für öffentliche Politik im aserbaidschanischen Präsidialamt. "Wir sind mit 155 Stimmen in den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gewählt worden. Das nenne ich Vertrauen, nicht die Bewertungen von Freedom House und Amnesty International." Über Dschamal Ali behauptet er, niemand habe ihn in der Zelle angerührt, "warum ist er denn nicht vor Gericht gegangen?"
Aserbaidschan sei zwar in Sachen Demokratie noch nicht auf dem Stand von Europa, räumt Hasanov ein. "Aber es entwickelt sich zur Demokratie. Der Pluralismus existiert, es gibt einen freien Wettbewerb um die Macht." Aserbaidschan habe sich klar für eine Integration in Europa entschieden. "Aber manchmal versucht der Westen uns in eine ungewünschte Richtung zu schieben." Öffentlich gibt er sich durchaus in einigen Punkten selbstkritisch. Eine Schande nennt Hasanov etwa die Veröffentlichung eines heimlich aufgenommenen und ins Internet gestellten intimen Videos der kritischen Journalistin Khadija Ismailowa. Wobei er später nicht zu kritisieren vergisst, dass all ihre Unterstützer Funktionäre der oppositionellen Volksfront-Partei seien.
Überhaupt sieht er wenig Grund, über die Opposition viel Gutes zu berichten. "Sie versucht den Song Contest für ihre Propaganda zu nutzen, weil es ihr auf anderem Wege zehn Jahre lang nicht gelungen ist". Oppositionsführer Ali Kerimli wiederum sagt, Parteien wie seine Volksfront würden von der Staatsmacht weitgehend unterdrückt, ferngehalten von den wichtigen staatlichen Tv-Sendungen, und die Wahlen ohnehin gefälscht.
Um den autoritär regierenden Staatschef Alijew wird ein rechter Kult betrieben. Eine aufwendig inszenierte Blumendekoration zu Ehren seines vor zehn Jahren verstorbenen Vaters und Vorgängers im Alijew-Park preist den jetzigen Präsidenten gleich dutzendfach mit verschiedenen Fotos. Groß ist sein Selbstbewusstsein, das sich auch aus den properen Einnahmen aus den Öl- und Gasexporten speist. Und so tritt er auch international auf. Offiziell verhandelt Aserbaidschan bereits seit dem Sommer 2010 über ein Assoziationsabkommen mit der EU, mit dem das Land sich eigentlich verpflichtet, europäische Standards anzunehmen. Doch die Fortschritte sind bisher gering.
In Menschenrechtsfragen gilt es für Europa bereits als Erfolg, wenn ein Dialog darüber überhaupt regelmäßig geführt wird. "Aserbaidschan scheint nicht wirklich an der Integration interessiert zu sein", sagt ein westlicher Diplomat. "Es will zwar offiziell eine engere Anbindung an den Westen, doch das verlangt auch Reformen, und da wirkt es derzeit nicht sonderlich engagiert."
Die erwarteten 20000 Besucher des Song Contests werden von all dem in den nächsten Tagen womöglich kaum etwas spüren, wenn sie mit einem der zu Hunderten importierten Londoner Taxen an die Uferpromenade des Kaspischen Meeres gefahren werden und bei fast 30 Grad in einem der hübschen Straßenrestaurants sitzen. Die Polizei dürfte sich in den nächsten Tagen so tolerant zeigen, wie es gerade eben geht in Aserbaidschan. "Light your fire", wie das Motto diesmal lautet, soll ja ein beeindruckendes Ereignis werden. Und auch den schwulen Fans werde in Baku jegliche Sicherheit gewährleistet, verspricht Hasanov vom Präsidialamt. Aber die Grenze zieht er klar. "Eine Gay-Parade wird es freilich nicht geben."
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Sehnsuchtskreise
'Drei Schwestern' von Anton Tschechow sehr jung am Münchner Volkstheater.

Anton Tschechow
In der Phantasie lebt es sich leichter: Da ist der Mensch charmant und klug, die Arbeit erfüllend und erst die Liebe, ach! All das Sehnen seiner "Drei Schwestern" hat der Dramatiker Anton Tschechow in dem mantraartigen Ruf "Nach Moskau!" verdichtet. Doch die Hauptstadt ist weit und seine jungen Hauptfiguren hängen in einer öden Provinzstadt fest, dort wo die existenzielle Leere Gestalt angenommen hat.
Regisseur Thomas Dannemann erzählt Tschechows Drama als bitter komische Coming-of-age-Geschichte. Die sehr jungen Schauspielerinnen des Münchner Volkstheaters erweisen sich als ideale Besetzung für einen Abend über Jugendträume und die Angst davor, sie zu leben: Xenia Tiling spielt die früh verheiratete Mascha von Anfang an gebrochen mit einem Hang zum Masochismus - mal im schwarzen Catsuit, mal im Hausfrauenkleidchen; Olga kämpft bei Mara Widmann als Businessfrau mit Power-Yoga gegen den Burnout; und Lenja Schultzes Irina, die Jüngste, klammert sich zwischen Jobfrust und Wutausbrüchen am hartnäckigsten an die Moskau-Sehnsucht, die jedes Ankommen im Hier-und-Jetzt verhindert.
Im leeren, offenen Bühnenraum steht das roh gezimmerte Skelett eines Hauses auf Rollen, die Wände sind durchsichtige Plastikplanen. Dieses Haus ist die Heimwerkerstolz gewordene Ausrede dafür, nicht einfach aufbrechen zu können: Es wird geschoben, gezogen, gezerrt und dreht sich doch immer nur im Kreis. Die Gesellschaft aus hochrangigen Militärs, die sich im Salon zu gepflegt langweiligen Plaudereien einfindet, wird bei Dannemann, der früher als Schauspieler viel mit Jürgen Gosch gearbeitet hat und seit gut zehn Jahren mit oft kantigen Inszenierungen von sich reden macht, zum Panoptikum der Tristesse. Selbstherrlich wird da philosophiert, getrunken, gefeiert und gescherzt: der Alkoholiker und Militärarzt Tschebutykin (Lutz Salzmann), der neue Kommandeur Werschinin (Jean-Luc Bubert), der als Moskauer wie ein Popstar bejubelt wird und sich auch so geriert und der kindlich wirkende Hauptmann (Max Wagner), dessen Liebeserklärung an Irina in hilflose Zerstörungswut ausartet.
Die Inszenierung spielt gekonnt mit Leerlauf und Stille: Minutenlang setzen sich die Darsteller ins Publikum, gemeinsam blickt man ratlos auf die verwaiste Bühne. Das verunsichert und macht nachvollziehbar, warum die Protagonisten letztlich jedes Mal aufstehen und sich in die Wiederholung des Immergleichen fügen.
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Der Albtraum vom Fliegen
Wer beruflich viel unterwegs sein muss, aber Flugreisen fürchtet, hat ein Problem. Ein Training soll es lösen.

Als Kind ist Veit Hemmeter häufig geflogen, es hat ihm nie etwas ausgemacht. Als Jugendlicher wurde das Fliegen manchmal von einer vagen Beklemmung begleitet. "Vielleicht hatte ich zu viele Filme mit Abstürzen gesehen", sagt der 25-Jährige. Als er 2005 zu einem Segelurlaub nach Estland fliegt, verwandelt sich das flaue Gefühl in Todesangst. Kurz nachdem die Maschine die maximale Flughöhe erreicht, schalten sich die Triebwerke aus, das Flugzeug geht in einen steilen Sinkflug. Nicht einmal die Stewardessen wissen, was passiert.
Hemmeter und die anderen Passagiere sind in diesem Augenblick überzeugt: Jetzt stürzen wir ab. Im Nachhinein stellt sich heraus, dass im unteren Bereich des Flugzeugs ein Teil abgerissen war, was dazu führte, dass der Druckausgleich in der Kabine nicht mehr funktionierte. Da der Pilot dies rechtzeitig bemerkte und sofort reagierte, konnte er die Maschine in Berlin notlanden, das Aufsetzen verlief glimpflich.
Das Erlebnis hinterließ seine Spuren. Sieben Jahre lang stieg Hemmeter in kein Flugzeug mehr. Er mied Urlaubsziele, die nicht mit dem Auto zu erreichen sind. Vor kurzem hat er sein Studium der Betriebswirtschaftslehre abgeschlossen und eine eigene Firma gegründet. Das heißt: In Zukunft wird er aus beruflichen Gründen viel fliegen müssen. Um seine Angst in den Griff zu bekommen, besuchte er ein Seminar zur Flugangstbewältigung
bei der Münchner Agentur Texter-Millott, die mit der Lufthansa zusammenarbeitet.
Es gibt eine Reihe ähnlicher Angebote. Agenturen wie Flugangst Service, Skycair oder Flugangst-Coaching bieten solche Seminare in Kooperation mit Fluggesellschaften wie Air Berlin, Condor und Germanwings an. Die Coachings finden an Flughäfen in ganz Deutschland statt. In der Regel umfassen sie ein- bis zweitägige Gruppenseminare, die mit oder ohne einen begleiteten Kurzstreckenflug gebucht werden können.
Beim Fliegen können mehrere Ängste zusammenkommen: die Angst vor Enge, vor Höhe, vor Kontrollverlust. Während die meisten Menschen im Auto oder Zug den Eindruck haben, einen Rest Kontrolle zu behalten, wird das Fliegen von einem Gefühl des Ausgeliefertseins begleitet. Doch warum eigentlich?
"Es ist hilfreich, ein Verständnis für die eigene Angst zu entwickeln, um sie bewältigen zu können", sagt Diplom-Psychologin Inga Schlattmann. Nicht immer ist es die eigentliche Situation, also das Fliegen, wovor sich die Betroffenen fürchten. Häufig sind es die Symptome der Angst wie Schwindel, Herzrasen und Schweißausbrüche, die als bedrohlich empfunden werden. Daher sollte man lernen, dass die Angst selbst zwar etwas Unangenehmes ist, aber nicht gefährlich.
Als Vorbereitung zeigt die Seminarleiterin den Teilnehmern Lockerungsübungen und Entspannungstechniken, die sie vor und während eines Fluges anwenden können. Eine davon ist der sogenannte Muskelpanzer, eine Form der progressiven Muskelentspannung. Dabei werden verschiedene Muskelpartien kurzzeitig angespannt. Durch den starken Kontrast wird die anschließend eintretende Entspannung besonders intensiv wahrgenommen.
Auch die Vorstellung einer angenehmen Phantasieszene, die eingeübt wird, kann zu einem entspannteren Fliegen beitragen. Eine weitere Methode ist das Ersetzen von negativen durch positive Gedanken. Was simpel klingt, kann in Bezug auf die Flugangst einen großen Unterschied machen: Wer während eines Fluges die schwingenden Tragflächen betrachtet und fürchtet, sie könnten jeden Moment abbrechen, fliegt mit einem anderen Gefühl als jemand, der diese Bewegung beobachtet und sich sagt: Gerade das Schwingen beweist, dass die Tragflächen ausreichend flexibel sind, um eben nicht abzubrechen.
Vielen Ängstlichen hilft es, sich mit der Bauweise eines Flugzeugs auseinanderzusetzen. In Büchern, Internetportalen und Seminaren zum Thema Flugangst wird erläutert, warum ein Flugzeug überhaupt fliegt, wie die Ausbildung eines Piloten aussieht und wie ein Flugzeug ausgestattet ist. So sind zum Beispiel alle wichtigen Instrumente an Bord zwei oder drei Mal vorhanden.
"Viele Betroffene können die Geräusche beim Fliegen nicht richtig zuordnen. Wird die Maschine nach dem Start auf einmal leiser, denken sie zum Beispiel gleich an einen Triebwerksausfall", sagt Dieter Schiebel, Inhaber der Agentur Flugangst Service. "Dies hängt in Wirklichkeit jedoch damit zusammen, dass Fahrwerk und Landeklappen eingefahren werden und das Flugzeug dann mit einem geringeren Luftwiderstand fliegt."
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